Gespeichert unter: art, dates, resist, social | Schlagworte: nichtstun, faul, arbeitslos, passiver widerstand
Ausstellung in der Galerie IG Bildende Kunst
Gumpendorfer Straße 10–12
1060 Wien
galerie(at)igbildendekunst.at
www.igbildendekunst.at
24. April bis 30. Mai 2008
Eröffnung Mittwoch, 23. April 2008, 19 Uhr
Öffnungszeiten Di bis Fr 13 bis 18 Uhr
24. April, 17 Uhr
Ausstellungsgespräch mit Claudia Burbaum und Christine Kriegerowski
Nichtstun als Muße wurde von Aristoteles hoch geschätzt und war nur dem kleinen Kreis der männlichen Elite vorbehalten, als Müßiggang und kreative Pause ist sie wieder zeitgemäß.
Mit dem Begriff Faulheit sollen diejenigen stigmatisiert werden, denen schlicht das Geld zur Muße fehlt. Ulrike Mohr drang in die Luxuswelt für wenige Reiche ein. Zuerst besuchte sie unerlaubt die Baustelle des Traumschiffs „The World“ und ließ sich später als Millionärin getarnt zu einem Probewohnen in eines der 110 Appartements einladen.
Nichtstun ist mehr als Nichtarbeit. Das Graffito „Ne travaillez jamais“, das 1952 auf einer Mauer in der Rue de Seine in Paris auftauchte, geht über den Aufruf, sich der Arbeit zu verweigern hinaus. Die Situationistische Internationale begehrte gegen eine Gesellschaft des Spektakels auf, sie verweigerte jedes zu Ende gebrachte Werk, jede Arbeit und kämpfte für die Abschaffung jeder Form von Repräsentation, für die Untergrabung jeder Autorität, die Zerstörung aller Machtsymbole, die Abschaffung der Kunst, die Rückgewinnung der in der Konsum- und Warengesellschaft enteigneten Lebenswirklichkeit. Mittlerweile ist der Slogan selbst zu einem Modeartikel geworden, und wird ständig zitiert. Diese Entwicklung nimmt Rirkrit Tiravanija inKooperation mit Andreas Koch und Sybille Kesslau auf und übersteigert sie ins Absurde.
Doch welche Handlungsmöglichkeiten bleiben im Neoliberalismus überhaupt noch bestehen? Wie kann jede und jeder einzelne sich gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen wehren? Christine Kriegerowski zeigt die kleinen Verweigerungen, die aus Verzweiflung, Wut und Lustlosigkeit entstehen und Armin Chodzinski stellt theoretische Überlegungen an, in denen Nichtstun als komplexe Handlungspraxis innerhalb des Neoliberalismus behauptet wird. Nichtstun: etwas Bestimmtes nicht oder nicht mehr tun. Nicht produzieren, nicht effektiv sein, nicht für Lohn arbeiten, Produktivitätsforderungen nicht nachkommen, sich nicht selbst ausbeuten, nicht Teil der Gesellschaft sein, nicht repräsentieren.
Nina Sidow und das Institut für Primärenergie verweigern sich den Anforderungen der Kunstwelt ständig sich selbst Verausgabendes zu produzieren und dabei an die eigenen physischen und psychischen Grenzen zu gehen. Lenka Clayton verweist auf den Glauben an Fleiß und Arbeitsamkeit, die sich mit Assoziationen an die Überwachungsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht, an Passivität, Big Brother und Idiotie verbinden und verwirren.
Richard Schütz zeigt das Nicht-Tun als subversives Moment im widerständigen wie widersprüchlichen Akt, der sich als Spur des Sich-Selbst-Behauptens im Selbstverlust in Erscheinungsformen von Komfort und Kontrolle einschreibt.
Nichtstun als Form des passiven Widerstands.
In einer bewussten und zielgerichteten Aktion, gemeinsam mit anderen als Blockade oder Streik, kann Nichtstun zu einer sehr sichtbaren und wirkungsvollen Widerstandsform werden. Ein Beispiel sind die Proteste gegen den G8 Gipfel 2007 in Deutschland. Die Fotografien von Gabi Kellmann zeigen die Kraft und Lebendigkeit, mit der bei der Besetzung des von Bundeswehr und NATO geplanten Bombenabwurfgeländes (Bombodrom) bei Wittstock unterschiedliche Formen zivilen Ungehorsams zu einem heiteren Spektakel zusammengeführt wurden. Ausgehend von Willi Bredels Berichten vom wilden Streik 1929 in der Maschinenfabrik N & K in Hamburg leitet die Radio-Performancegruppe LIGNA die Zuhörer_innen über dasFabrikgelände in eine imaginäre Abenteuerexkursion durch Raum und Zeit. Ein Versuch Streikaktivist_innen auszubilden, Regeln nicht einfach hinzunehmen und sie, wenn sie fast schon verinnerlicht sind, außer Kraft zu setzen.
Nichtstun wird jedoch zur Qual, wenn es nicht Ergebnis eigener Entscheidung ist, sondern Produkt von Disziplinierungsmechanismen. Deshalb ist es manchmal notwendig, sich gegen von außen aufgezwungenes Nichtstun wie Arbeits- oder Berufsverbot, Residenzpflicht oder das Verbot der politischen Betätigung für Asylbewerber aufzulehnen.
Thomas Locher verweist mit seiner Arbeit darauf, dass souveränes Handeln und Kommunizieren für Asylbewerber_innen mithilfe von Gesetzen unmöglich gemacht werden soll. Gleichzeitig widerspricht er der Autorität des Gesetzes und öffnet die Möglichkeit, sich ebenfalls zu äußern, zu hinterfragen und in letzter Konsequenz zu verweigern. Die Mujeres sin Rostro (Frauen ohne Gesicht) sind eine Gruppe lateinamerikanischer Frauen, die ohne Papiere in der BRD leben. Sie stellen Arpilleras (Wandteppiche) her, um ihren Protest gegen die Illegalität zum Ausdruck zu bringen. Mit ihren Arbeiten überführen sie eine Widerstandspraxis in die Gegenwart, die bereits während der Pinochet-Diktatur in Chile, aber auch in anderen lateinamerikanischen Zwangsregimes genutzt wurde.
Mit künstlerischen Beiträgen von:
Armin Chodzinski, Lenka Clayton, Institut für Primärenergieforschung, Gabi Kellmann, Christine Kriegerowski, LIGNA (Ole Frahm, Michael Hüners und Torsten Michaelsen), Thomas Locher, Ulrike Mohr, Mujeres sin Rostro, Richard Schütz, Nina Sidow, Rirkrit Tiravanija in Kooperation mit Koch und Kesslau.
Kuratiert von Claudia Burbaum, Gabi Kellmann und Jan Sauerwald
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